Neurogene Hüftdezentrierung

Bei der neurogenen Hüftdezentrierung steht der Hüftkopf nicht mehr optimal in der Hüftpfanne. Die Hüfte kann sich dabei langsam nach außen verlagern. Man spricht dann von einer Hüftdezentrierung, Hüftsubluxation oder — bei vollständigem Herausrutschen des Hüftkopfes — von einer Hüftluxation.

Dieses Krankheitsbild tritt vor allem bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit neurologischen Grunderkrankungen auf, zum Beispiel bei infantiler Cerebralparese (ICP), Spina bifida/Meningomyelozele (MMC), nach erworbenen Hirn- oder Rückenmarksschädigungen oder bei anderen neuromuskulären Erkrankungen. Anders als bei der angeborenen Hüftdysplasie ist die Hüfte bei vielen dieser Kinder zunächst unauffällig. Durch veränderte Muskelspannung, Muskelungleichgewicht, eingeschränkte Beweglichkeit und eingeschränkte oder fehlende Gehfähigkeit kann sich die Hüfte im Laufe des Wachstums zunehmend dezentrieren.

(Auf dem Bild ganz oben auf der Seite sehen Sie eine Patientin mit linksbetonter Cerebralparese und Hüftdezentrierung links. Außerdem besteht eine Steilstellung bei der Schenkelhälse (Coxa valga). Im rechten Bild zeigt sich der Zustand nach Operation. Es wurde auf der einen Seite eine Acetabuloplastik nach Dega und eine Derotationsvariationsosteotomie (DVO) zur besseren Zentrierung durchgeführt. Auf der Gegenseite (weniger betroffen) wurde über eine kleine Hautinzision eine wachstumslenkende Schenkelhalsschraube implantiert (minimal-invasive PETS).)

Ursachen

Die neurogene Hüftdezentrierung entsteht meist nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über Monate oder Jahre. Wichtige Ursachen sind:

  • erhöhte Muskelspannung, zum Beispiel der Adduktoren und Hüftbeuger
  • Muskelverkürzungen und Gelenkkontrakturen während des Wachstums
  • eingeschränkte Abspreizfähigkeit der Hüfte
  • asymmetrisches Sitzen, Stehen oder Liegen
  • fehlende oder reduzierte Belastung der Beine
  • Beckenverkippung, Wirbelsäulenverkrümmung oder Rumpfasymmetrie

Je stärker die motorische Einschränkung ist, desto höher ist in der Regel das Risiko für eine Hüftdezentrierung. Deshalb sind regelmäßige kinder- und neuroorthopädische Kontrollen wichtig — auch dann, wenn noch keine Schmerzen bestehen. Hier ist die sogenannte radiologische „Hüftampel“ sinnvoll, welche auch mittels Sonographie dargestellt werden kann. Dies konnten wir in einer unserer Studien zeigen. 

 

Symptome & Diagnostik

SYMPTOME

Eine beginnende Hüftdezentrierung verursacht bei vielen Kindern zunächst keine eindeutigen Beschwerden. Hinweise können sein:

  • zunehmende Einschränkung beim Abspreizen der Beine
  • erschwertes Wickeln, Lagern oder Ankleiden
  • Scherenstellung der Beine
  • asymmetrisches Sitzen oder Beckenverkippung
  • Schmerzen in Hüfte, Leiste, Oberschenkel oder Knie
  • schlechtere Sitzfähigkeit oder Belastbarkeit
  • zunehmende Probleme bei Pflege, Transfer oder Mobilisation
  • Schlafstörungen oder Unruhe bei nicht eindeutig lokalisierbaren Schmerzen

Gerade bei Kindern mit eingeschränkter Kommunikation können Schmerzen schwer zu erkennen sein. Veränderungen beim Sitzen, Schlafen, Pflegen oder Bewegen sollten deshalb ernst genommen und orthopädisch abgeklärt werden.

 

DIAGNOSTIK

Die Diagnostik beginnt mit einer sorgfältigen klinischen Untersuchung. Dabei beurteilen wir unter anderem Beweglichkeit, Muskeltonus, Schmerzen, Sitz- und Stehfähigkeit, Beinachsen, Wirbelsäule, Beckenstellung und vorhandene Hilfsmittel.

Zur Beurteilung der Hüftstellung wird in der Regel eine röntgenologische Beckenübersichtsaufnahme durchgeführt. Dabei wird der sogenannte Migrationsindex nach Reimers bestimmt. Er beschreibt, welcher Anteil des Hüftkopfes nicht mehr ausreichend von der Hüftpfanne überdacht wird. Je nach Alter, motorischem Funktionsniveau und Verlauf werden die Kontrollabstände individuell festgelegt.

Bei einzelnen Fragestellungen oder als Verlaufskontrollen können ergänzend Ultraschall, weitere Röntgenaufnahmen oder eine MRT-Untersuchung sinnvoll sein. Ziel ist, eine gefährdete Hüfte frühzeitig zu erkennen, bevor Schmerzen, Pflegeprobleme oder eine vollständige Luxation entstehen.

Behandlungsmethoden

Die Behandlung richtet sich nach dem Alter, dem Ausmaß der Dezentrierung, der Beweglichkeit, dem Schmerzbild, der Geh- und Sitzfähigkeit sowie nach den Zielen des Kindes und der Familie. Wichtig ist ein individueller Therapieplan.

Konservative Behandlung der neurogenen Hüftdezentrierung

Bei milder oder beginnender Dezentrierung stehen zunächst konservative Maßnahmen im Vordergrund. Dazu gehören:

  • Physiotherapie zur Erhaltung der Beweglichkeit
  • Dehn- und Lagerungsprogramme
  • Optimierung von Sitzschale, Rollstuhl, Stehtrainer oder anderen Hilfsmitteln
  • Orthesen und Lagerungshilfen
  • Behandlung erhöhter Muskelspannung, zum Beispiel durch Botulinumtoxin-Injektionen
  • Schmerztherapie, wenn Beschwerden bestehen
  • regelmäßige klinische und radiologische Verlaufskontrollen

Konservative Maßnahmen können Beschwerden lindern, Beweglichkeit erhalten und die Versorgung im Alltag verbessern. Bei fortschreitender Dezentrierung reichen sie jedoch häufig nicht aus, um den Hüftkopf dauerhaft zentriert in der Pfanne zu halten.

Operative Behandlung der neurogenen Hüftdezentrierung

Wenn die Hüfte weiter aus der Pfanne wandert, Schmerzen verursacht oder die Sitz-, Pflege- oder Mobilitätsfähigkeit gefährdet, kann eine Operation notwendig werden. Ziel der Operation ist es, den Hüftkopf wieder möglichst stabil und schmerzfrei in die Hüftpfanne einzustellen.

Je nach Befund kommen unterschiedliche Verfahren infrage:

  • Weichteileingriffe, zum Beispiel Verlängerungen verkürzter Muskeln oder Sehnen
  • Schenkelhalsepiphyseodese („Schenkelhalsschraube“) in ausgewählten Fällen
  • Umstellungsoperationen am oberen Oberschenkelknochen, häufig als Varisations- und Derotationsosteotomie (DVO des proximalen Femurs)
  • Beckenosteotomien zur Verbesserung der Überdachung des Hüftkopfes
    o    Beckenosteotomie nach Salter
    o    Beckenosteotomie nach Dega oder Pemberton
    o    Tripleosteotomie nach Tönnis
    o    Periacetabuläre Osteotomie nach Ganz (PAO)
  • offene Hüftreposition, wenn die Hüfte bereits deutlich dezentriert oder luxiert ist
  • kombinierte Eingriffe, wenn sowohl Weichteile als auch Knochen korrigiert werden müssen

Die Operation wird so geplant, dass die Hüfte stabilisiert wird und gleichzeitig Alltag, Pflege, Sitzen, Stehen und Mobilität bestmöglich unterstützt werden. Einen Beckenbeingips können wir in den meisten Fällen vermeiden.

Publikationen

Ultraschall statt Röntgen bei Hüftkontrollen

Kinder mit Zerebralparese (ICP) oder einer angeborenen Hüftreifungsstörung (DDH) brauchen regelmäßige Hüftkontrollen, damit ein „Weglaufen“ des Hüftkopfs aus der Pfanne (Dezentrierung) früh erkannt und behandelt werden kann. Röntgen ist dafür üblich – bedeutet aber Strahlenbelastung. Die Studie prüft, ob Ultraschall (US) als strahlenfreie Alternative das Gleiche zuverlässig feststellen kann. 

Weitere Informationen

Coxitis fugax richtig erkennen

Coxitis fugax ist die häufigste Ursache für akute Hüftschmerzen bei Kindern. Erfahren Sie in diesem Artikel, wie die Erkrankung sicher erkannt, behandelt und von schwerwiegenden Ursachen abgegrenzt werden kann.

Weitere Informationen

Epiphyseolysis capitis femoris: Klinik, Diagnostik und Behandlung

Orthopäden, Traumatologen und Pädiater werden nicht selten mit dem Krankheitsbild der Epiphyseolysis capitis femoris konfrontiert. Häufig besteht bei den jungen Patienten akuter Handlungsbedarf. Umso wichtiger ist es daher, typische Symptome zu erkennen und über die aktuell empfohlene Bildgebung sowie die Therapie Bescheid zu wissen.

Weitere Informationen

Ultraschall als neue Methode zur Bestimmung des Wachstumsstands bei Kindern

Die Beurteilung des Wachstumsstands bei Kindern und Jugendlichen ist entscheidend für viele orthopädische Behandlungen – zum Beispiel bei Skoliose oder Beinlängendifferenzen.

Bisher wird dafür oft das sogenannte Sanders Scoring System (SMS) verwendet, das auf Röntgenaufnahmen der Hand basiert. Doch gerade bei jungen Patient*innen sollte man den Einsatz von Röntgen aus Gründen des Strahlenschutzes möglichst vermeiden.

Weitere Informationen

Unsere Spezialisten

Haben Sie Fragen?

Ob Fragen über Behandlungsmöglichkeiten, Terminvereinbarungen oder Informationen über unsere Fördermöglichkeiten - wir beraten Sie gerne!

Wir sind für Sie da!